Was wir von Dr. Fox über Scheinärzte lernen können

Es gibt drei Fernsehärzte, die mediale Geschichte geschrieben haben: Dr. House, Doogie Howser und Dr. Fox – letzterer ist wahrscheinlich den meisten bekannt und wird selbst dann noch nicht vergessen werden, wenn Dr. House Doogie Howsers Schicksal ereilt hat.

Doch was ist gemeint?

Angenommen, man ist Medizinstudent oder Arzt und sitzt in einer Vorlesung oder einem Vortrag, und plötzlich tritt Gregory House auf’s Podium und hält ein Referat – würde man das bemerken oder ihn für einen echten Doktoren halt, wenn er auf einmal spricht? Definitiv würde er erkannt, denn Dr. House ist allgemeines Kulturgut und allseits bekannt.

Anfang der 1990er Jahre ging es Doogie Howser genauso. Die Geschichte des sechzehnjährigen praktizierenden Arzt war in aller Munde und erfreute das Publikum vier Jahre lang. Trotzdem hätte der inzwischen gealterte Jungarzt beste Chancen, vor einem Fachpublikum als echter Mediziner zu bestehen.

Wirklich? Woher wissen wir das? Von Doktor Fox.

Links & Rechts: Michael Fox. Mitte: Perry Mason alias Raymond Burr

Michael Fox spielte von 1957 bis 1963 den Pathologen in der damaligen Hit-Fernsehserie „Perry Mason“. Trotzdem konnte er nur sieben Jahre später an der University of Southern California School of Medicine Geschichte schreiben, als er drei Kurse von Studenten, Psychiater und Psychologen darüber hinwegtäuschte, dass er kein Schauspieldoktor sondern ein echter ist: Dr. Myron Fox, Absolvent des Albert Einstein College of Medicine an der Ostküste und bekannter Buchautor, der bereits im naturwissenschaftlichen Magazin „Science“ veröffentlicht hat.

Michael Fox spielte bei „Perry Mason“ im Gegensatz zu Doogie Howser und Doctor House nur eine Nebenrolle, die Frage dieser Arbeit lautet aber auch nicht, warum er als prominenter Schauspieler nicht erkannt wurde, sondern wie es möglich ist, dass sich Menschen ohne dementsprechenden Abschluss als Doktoren ausgeben können. Und in dieser Hinsicht ist das Dr. Fox-Experiment ganz interessant.

Zuerst einmal hatte Michael Fox einen großen Vorteil auf der Hand: er selbst musste keine Erklärung abgeben, wer er ist und was er gemacht hat. Den Ruhm erhielt er von einem anderen – ein Wissenschaftler der University of Southern California stellte ihn vor. Er selber musste nichts tun, außer einen Anzug zu tragen.

Das sagt viel über Initiationsrituale und Täuschungsakte aus: Die Glaubwürdigkeit, die Dr. Fox besitzt, kommt nicht von dem, wer er ist, sondern davon, wie andere ihn sehen, nach dem, wie ihn jemand dargestellt hat. Der Kursleiter beschrieb ihn als bekannten Ostküstenwissenschaftler, und so erschien Myron Fox auch: er hob sich optisch von seinem Westküstenkollegen deutlich ab – der Kursleiter trug kurze Hosen und T-Shirt, Dr. Fox dagegen sah so aus wie man erwartet, dass sich das Publikum einen Doktor vorstellt – gepflegt, mit Brille, Krawatte und Anzug.

Wäre Dr. Fox als von der Westküste angekündigt worden, hätte der optische Unterschied zum Kursleiter zur Verwirrung führen können, weil aber die Ostküstenwissenschaftler als steifer als die von der Westküste gelten, entsprach seine Erscheinung exakt dem Bild, das Westküstler von der Ostküste haben. Das bedeutet, dass das Publikum wahrscheinlich von ihren eigenen Wissenschaftlern daran gewöhnt war, dass diese in Sommerklamotten Vorlesungen halten, bei einem Ostküstenwissenschaftler hätte sie das aber zutiefst verwirrt, weil es nicht ihrer Vorstellung entsprach.

Daraus lässt sich folgern, dass Dr. Myron Fox einen Anzug tragen musste, während es dem echten Wissenschaftler von der Westküste freistand, zu tragen, was er wollte. Letzterer war erstens bekannt, kam zweitens von der Westküste und hätte drittens, wenn nötig, durch seinen Vortrag überzeugt. Alles drei Dinge, die Dr. Fox nicht hatte. Er hatte nur die Einführung des Dozenten und den Anzug, was ihm Glaubwürdigkeit verlieh.

Kommen wir damit zum Vortrag des Dr. Fox und gehen diesen Stück für Stück thematisch durch:

Sein Thema war “Verhaltensspiele in der Anwendung auf die Ärzteausbildung” und er wurde als absoluter Experte auf diesem Gebiet angekündigt. Seine Zuhörer waren angehende und etablierte Wissenschaftler in Psychologie/Psychiatrie, aber keiner von ihnen gehörte genau zu dem Gebiet, über das Myron Fox sprach.1 Dies war ein Vorteil für den falschen Doktor, denn egal wie gebildet das Publikum ist und egal wie wenig es von einem Vortrag versteht, kaum jemand würde dies öffentlich zugeben oder den Vortragenden unterbrechen. Das Vortragsformat selbst, zusammen mit seinen rituellen Regeln, schützte Dr. Fox vor der Bloßstellung, so dass er ungestört reden konnte.

Die ersten drei Sätze widmete Myron Fox M.D. dem Kleidungsunterschied zwischen den Wissenschaftlern der Ostküste und der Westküste. Er betonte, dass man im Osten Anzug mit Krawatte tragen müsse, während man im Westen wie ein Beach Boy vor dem Publikum sitzt, in kurzen Hosen und Turtleneck-Shirt.

Es fragt sich, warum Dr. Fox das Publikum darauf aufmerksam machte. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: entweder versuchte er durch die Extrabetonung von Offensichtlichen ablenken, indem er dem Publikum eine Erklärung anbietet. Die zweite Möglichkeit wäre eine Wertung. Letzteres erscheint aber unwahrscheinlich, weil egal ob Fox durch seine wertende Aussage Lob oder Tadel äußern will, das Publikum dadurch gespalten wird: lobt er den lockeren Kleidungsstil seines Gastgebers, bringt er sowohl jene im Publikum gegen sich auf die glauben, dass er den Westküstenprofessor kritisiert als auch jene die glauben, dass er diesem ein Lob ausspricht, wenn sie selber sein lockeren Kleidungsstil als für einen Wissenschaftler als unwürdig betrachten. Das bedeutet, mit einer wertenden Aussage hat Myron Fox sofort das Publikum verloren, weil nicht er eine Wertung sondern das Publikum eines über seine Worte trifft. Und in Bezug auf dem Kursleiter im Beach Boy-Look hat jeder eine fundierte Meinung. Dadurch riskierte Fox, dass seine Kritiker ganz genau zuhören und jedes seiner Worte mit dem inneren Wunsch, dieses zu widerlegen, auf die Goldwaage legen.2

Also war Myron Fox überrascht. Ansonsten hätte er nicht solch einen groben Schauspielfehler gemacht. Zumindest nicht gleich zu Beginn seiner Vorstellung. Daher kann man davon ausgehen, dass der Betrügerdoktor von seinem eigenen „falschen Auftreten“ überrascht war und deshalb das Publikum beruhigen wollte.

Danach begann Dr. Fox mit seiner Einleitung und sagte, dass er heute über die Anwendung der Game Theory im Bereich der Medizin, im Bereich des Lehrens referieren wolle. Er sagte wortwörtlich „the applicability of Game Theory in the field of medicine, in the field of teaching“, und das ist ungewöhnlich: die Bedeutung der Worte entspricht derselben vom Kursleiter gemachten Aussage „Behavioural Games as Applied to Physician Education“. Allerdings hat Dr. Fox ausgesprochen einfache Worte benutzt: „in the field of medicine, in the field of teaching.“ Und damit widersprach Dr. Fox der ersten Regel des Dr. Fox-Effekts: wer anerkannt werden will, muss sich von seinem Publikum absetzen, indem er selbst einfache Sachverhalte möglichst kompliziert ausdrückt. Ansonsten wird er für minderwertig gehalten.3

Auch hier lässt sich fragen, warum Myron Fox das getan hat: entweder hat er seine Aussage für das Publikum vereinfacht, damit dieses dem Sinn seines Vortrags leichter folgen kann. Das wäre allerdings anmaßend, weil diesem Vorgang erneut eine Wertung vorweg geht: Doktor Fox meint es vielleicht nur gut, trotzdem hält er aber sein Publikum für so dumm, dass er glaubt, er müsse diesem die Bedeutung von „Behavioural Games as Applied to Physician Education“ erklären. Kein Wunder – sie werden ja von Typen in kurzen Hosen unterrichtet.

Die zweite Möglichkeit lautet, dass Myron Fox aufgrund seiner Überraschung über die Kleidung selber den Text vergaß und für einen Augenblick nicht mehr wusste, worüber er spricht. Also baute er sich gedanklich eine Brücke, und schwankte über the field of medicine“ in „the field of teaching“. Letzteres erscheint wahrscheinlicher.

Im dritten Abschnitt beginnt Dr. Fox mit der Spieltheorie und erwähnt zuerst „von Neumann und Morgenstern“, die Gründer des wissenschaftlichen Forschungsbereich der „Spieltheorie“. Beide veröffentlichten 1944 gemeinsam ein Buch über das Thema, das bis heute (in nicht-naturwissenschaftlichen Fachgebieten) als bekannt gilt. Daraufhin erzählt er ein paar Sekunden lang etwas über die Game Theory und ihrer Bedeutung als Theory of Strategy, bevor er den erneut Faden verliert und die Game Theory „Gambler’s Choice“ gegenüberstellt – das klingt zwar wissenschaftlich, dabei handelt es sich aber um einen Film aus dem Jahr 1944.

Gambler's Choice FilmPoster.jpeg

Danach wechselt er das Thema zu Poker und schneidet kurz an wie das Spiel funktioniert. Bis hierhin sind seit Videobeginn 2:12 Minuten vergangen.

Er sagt weiter, dass die Spieltheorie aus zwei Bereichen, besteht: dem Nullsummenspiel, wo zwei gegeneinander spielen und der eine nur gewinnen kann, wenn der andere verliert, während beide sich im Gesamtergebnis neutralisieren. Das einfachste Spiel dabei sei TicTacToe, wobei das wiederum nicht dazu gehöre, weil es langfristig immer im Unentschieden enden müsste. Das müsste es laut Spieltheorie aber auch, denn mit dieser Frage beschäftigt sie sich: ist es sinnvoller, miteinander zu kooperieren oder einander zu betrügen, um kurz-, mittel- und langfristig ein höheres Ergebnis zu erzielen? Und deshalb passte sein Beispiel, wobei er es durch die eigene Negierung zunichte machte.

Den zweiten Bereich der Game Theory ließ Fox offen.

Auf diese Weise stolpert Dr. Fox weiter durch den Vortrag. Er spricht von einer bekannten Schacheröffnung und erzählt dass sich der kubanische Weltmeister Capablanca durch den überraschenden Zug seines amerikanischen Herausforderers Marshall nicht aus der Ruhe bringen ließ und die Kontrolle behielt, und dass der Autor, bei dem er darüber las, einen Fehler gemacht habe, weil dieser Glück als keinen relevanten Faktor beim Schachspiel ansah (3:00-4:00). Auch das machte in Bezug auf das Vortragsthema wenig Sinn, dafür aber viel, wenn man die Aussage auf Fox selbst bezieht: der erste Zug des Kursleiters mit den kurzen Hosen hatte ihn überrascht und er hatte, so wie Capablanca, kurz gewackelt. Aber er glaubt an sein Glück und lässt sich dadurch nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Eine versteckte Botschaft an sich selbst oder den Kursleiter, damit dieser nicht abbricht.

Und das gelang Fox in der Folge auch, denn nachdem er drei Minuten weiter gestrauchelt hat, beginnt der stärkste Moment der ganzen Vorlesung, indem das Publikum tatsächlich etwas mitnimmt: Fox bezieht die Game Theory auf die Dreiecksbeziehung zwischen Tosca, Cavaradossi und Scarpia aus Puccini’s Oper. Und dieser Teil ist beeindruckend. Denn Fox sprach fast vier Minuten lang flüssig über das Thema, dadurch hatte man als Zuhörer automatisch das Gefühl, das er wüsste, wovon er spricht. Nämlich von Tosca. Dass er in dieser Hinsicht auch etwas von der Game Theory versteht, wurde angenommen, schließlich galt er ja als Fachmann (Min. 7:42-11:18).

Danach versuchte Fox erfolglos weiter zu improvisieren, bevor er sich auf sein Skript stützte und die letzten Minuten über hauptsächlich Text ablas, bevor Fox den Vortrag nach achtzehn Minuten überaschend beendete.

Sofern man sich fragt, was einen das über falsche Doktoren im wahren Leben aussagt, wie man sie häufig im Betrugsalltag trifft, sagt einem der Vortrag einiges: Doktor Fox hatte den Vorteil, dass ihn ein „Kollege“ bei seinem Publikum eingeführt hat. Trotzdem wurde er unsicher, weil er glaubte, dass er unpassend gekleidet ist. Deshalb wird er zuerst zutraulich und ganz plötzlich distanziert (arrogant), wirft zusammenhängend mit Namen und unzusammenhängend mit Fachbegriffen um sich. Mittendrin spricht er sich selber Mut zu und findet zurück auf seine Linie, denn er bekommt die Gelegenheit über einen Sache zu sprechen, in der er sich wirklich auskennt -Tosca. Und diesen Augenblick schlachtet der ausschweifend aus, wobei er davon profitiert, dass man ihm deshalb aufgrund des eigenen Unwissens wohlwollend unterstellt, dass er auch fachbezogen weiß, wovon er spricht. Trotzdem findet er nicht in die Spur und beschränkt sich zum Schluss darauf, von seinem Manuskript abzulesen. Und bevor er deswegen auffliegen kann, bricht er die Vorstellung ab und verschwindet. Denn der abgelesene Teil klang deutlich zusammenhängender wie alles was er zuvor frei von sich gegeben hatte, und das spricht nicht für einen Doktor, sondern für einen Schauspieler, der einen Monolog abspielt.

Für einen Nichtwissenschaftler ist es schwierig, einen echten Doktor zu spielen. Selbst ein professioneller Schauspieler fällt in dieser Rolle aus dem Gleichgewicht. Und vor allem einem Fachpublikum fällt über kurz oder lang auf, dass mit dem falschen Doktor etwas nicht in Ordnung ist. Die einzige Chance, die dieser hat, ist, dass er sich bei seinen Ausführungen auf Oberflächlichkeiten beschränkt, sich themenbezogen kurz fasst und jede Möglichkeit nutzt, um vom Thema abzulenken. Oder, dass er die Flucht ergreift, wenn er nicht weiter weiß.

Das ist der Doktor Fox-Effekt: das Gegenteil von dem, was die herrschende Meinung sagt. Und daher hätte ein Doogie Howser in dieser Situation ebenso die Flucht ergriffen wie Dr. Fox es tat.

Fußnoten

1Siehe Naftulin et al. 1973: 631-633

2Siehe Füllgrabe 1999: 7

3Siehe Füllgrabe 1999: 5f.; siehe ebenfalls Hakes 2009

Literatur

Walter Leonhardt

Ich bin Verhaltensanalyst und untersuche direkt an der irisch-nordirischen Grenze lebend Ideologien und Verhalten von (irischen) Terrororganisationen. Abgesehen von Terrorismus beschäftige ich mich auch mit "weicheren" Themen, wo Konflikte vorkommen - im Grunde mit allem.

View all posts by Walter Leonhardt →

Leave a Reply

%d bloggers like this: