Push-Nachrichten als Stressfaktor im Home Office

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Wer kennt das Gefühl dass alles schlimmer wird? Wer erinnert sich noch daran, was die Titel von Push-Nachrichten waren, die man gelesen hat? “Österreich schließt die Grenze zu Italien, Tschechien schließt die Grenze zu Deutschland.” “Keine internationalen Züge mehr.” “Zugfahren gefährlich.” “Sechs Monate altes Baby an Coronavirus infiziert.” “Mehrere Tote im Altenheim gefunden. Auch Pfleger krank geworden”, “Coronavirusfälle in Deutschland – täglich aktualisiert.” Und so weiter und so fort.

Push-Meldungen erhalten zwar Informationen, erzeugen aber hauptsächlich das Gefühl von Unsicherheit.

Schon vor Covid-19 waren Menschen abhängig von ihren Smartphones. Damals erfüllten sie eine Funktion, inzwischen dienen sie aber hauptsächlich zur Ablenkung. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen und des Social Distancing sind sie oft als einziger Weg zur Kommunikation nach außen übrig geblieben. Das Ergebnis: Wir checken ständig unsere Smartphones.

In den Zeiten vor der Viruskrise stieg der Anteil der deutschen Smartphone-Nutzer bis 2018 konstant an. Zuletzt lag die Smartphone-Durchdringung bei 81 Prozent in Deutschland.1

Spätestens mit der allgemeinen Quarantäneverordnung wird der deutsche Smartphone-Gebrauch aber durch die Decke geschlagen und bereits jetzt einen neuen Höchststand erreicht haben – das Smartphone ist für viele inzwischen kaum wegdenkbar, ohne sofort zu verzweifeln.

Das Smartphone sorgt nicht nur für Unsicherheit sondern erhöht auch den Stressfaktor. Die jährlich von der American Psychological Association (APA) durchgeführte Stress-in-Amerika-Befragung stellte bereits im Jahr 2017 fest, dass Menschen nichts mehr stresst, als das andauernde Smartphone-Checken. Und seit März 2020 werden sehr viele Smartphone-Nutzer wie Kletten an ihren Geräten hängen, um die neueste Push-Meldung in Erfahrung zu bringen.

Bei vielen im Netz verbreiteten Meldungen werden Überschrift und Textgestaltung übertrieben, damit sie von mehr Menschen angeklickt oder geteilt werden. Das ist nicht bei allen Online-Medien der Fall, doch oft wird die Überschrift überspitzt und klingt dramatisch. Nun leben wir in Zeiten einer weltweiten Pandemie, so dass die nüchternen wie überspitzten Negativschlagzeilen in großer Zahl auf uns einprasseln. Das hat durchaus Auswirkungen auf unsere Psyche.

Die APA-Studie besagte, dass mehr als zwei Fünftel der Push-Nutzer politische Nachrichten und Diskussionen verfolgen, wodurch sie sich ständig gestresst fühlen. Gleichzeitig sind diese gegenüber Freunden und Familie distanzierter als Leute die ihr Smartphone öfters beiseite legen. Das ist logisch, denn wer sich online über Inhalte aufregt wird offline nicht ruhiger dadurch.2

Eine UN-Stressstudie aus dem Jahr 2017 verriet, dass sich 41 Prozent aller Home Office-Mitarbeiter höchst gestresst fühlen während es nur 25 Prozent derjenigen im Büro sind. Als Grund wurde mitunter die höhere Rate an Smartphone-Nutzung von Zuhause aus angegeben, der für Zerstreuung und Ablenkung sorgt.

Im Jahr 2020 werden sich auswärts Tätige ebenfalls in größerem Maß gestresst fühlen, allerdings auch nicht mehr als diejenigen zuhause. Wer „off-site“ arbeitet, macht der permanente Gedanke an Ansteckung verrückt, wer „on-site“ arbeitet macht die permanente Möglichkeit angesteckt zu werden verrückt. Und wer macht sich mehr verrückt? Derjenige der nur auf seinen Glauben verlassen zuhause sitzt, oder derjenige der sich jeden Tag selbst überzeugt, dass er trotz allen Risikos bislang noch nicht krankgeworden ist? Wer ist unsicherer?

Smartphones sorgen bei Home-Office-Arbeitern für permanenten Stress, für das es kein Ventil gibt. Denn man kann nicht einfach rausgehen und feststellen was richtig ist. Die meisten Nachrichten kommen aus der großen Welt, und augenblicklich schafft man es noch nicht einmal von Berlin nach Brandenburg zu fahren, weil es zu weit weg vom Wohnort ist.

Also muss man mit anderen über Meldungen reden, regt sich vielleicht gemeinsam darüber auf. Falls dann zwei Menschen noch unterschiedlicher Meinung sind, führt das ebenfalls zu Auseinandersetzungen mit Stress.

Ergebnis davon sind Zunahme von Sozialisolation und Einsamkeit, was irgendwann zu Schlaflosigkeit führt.3 Man muss sich nur fragen, wie oft man nachts durch den Klingelton aufwacht und nur mal eben das Handy checkt.

Was kann man tun, um vorzubeugen?

  • eine bessere Organisation des Tagesablaufs. Das betrifft vor allem die individuelle Arbeitsorganisation. Dafür macht man sich am besten einen Plan und versucht diesen so gut es geht auszuführen. Dazu gehören wichtiges zu priorisieren und unwichtiges nach hinten zu schieben. Dazu eignet sich das Eisenhower-Prinzip.
  • Ebenso gehört dazu dass man sich fragt, zu welcher Tageszeit man normalerweise am produktivsten ist und in diesem Zeitraum die wichtigsten Aufgaben durchführt.
  • Während der Mahlzeiten sollte das Telefon konsequent stummgeschaltet werden, ebenso wenn man Spaziergänge macht – Bewegung ist Beschäftigung genug, es bedarf keiner Ablenkung. Denn wenn der Körper arbeitet ruht der Geist; und umgekehrt – you know.
  • Auch für Kollegen muss man nicht durchgehend erreichbar sein, denn wenn es wirklich was wichtiges gibt, dann rufen sie an. Ansonsten ruft man zurück.
  • Ganz allgemein weniger Ablenkung: das Smartphone öfters mal ausschalten oder auf “Sleep Mode” einstellen. Das gilt vor allem nachts: das Schlafzimmer sollte dann exklusiv für Sex und Schlafen reserviert sein.
  • Eine verbesserte Zielsetzung was Arbeit und Privatleben gleichermaßen betrifft. Sich mehr kleine Ziele setzen und erfolgreiches Gelingen feiern.
  • Mehr Fokussierung auf das was man gerade tut und weniger darüber grübeln was gerade irgendwo vielleicht geschieht.
  • Zuhause sollte nicht die Welt sondern die persönliche Beziehung im Mittelpunkt stehen. Miteinander kochen, Gesellschaftsspiele usw. .
  • Auf Push-News ruhig verzichten.
  • Zwei Sachen die zur besseren Stressregulierung immer helfen, sind Meditation und Yoga.4

Fußnoten

1 Vgl. Leichsenring 2019

2 Vgl. Scott 2019

3 Vgl. Scott 2020

4 Vgl. Scott 2020; siehe hierzu Hartney 2019

Quellen:

Hartney, Elizabeth (2019): 5 Tips to Help You Put Down Your Phone. Addiction > Addictive Behaviors > Internet. In: verywellmind, 24.06.2019. Online verfügbar unter https://www.verywellmind.com/how-to-quit-cell-phone-addiction-4120752, zuletzt geprüft am 09.04.2020.

Leichsenring, Hansjörg (2019): Smartphone-Verbreitung in Deutschland stagniert. Studien. In: Der Bank Blog, 22.03.2019. Online verfügbar unter https://www.der-bank-blog.de/smartphone-verbreitung-deutschland/studien/mobile_business/37653078/, zuletzt geprüft am 09.04.2020.

Scott, Elizabeth (2019): The Stress of Constantly Checking Your Phone. In: verywellmind, 28.03.2019. Online verfügbar unter: https://www.verywellmind.com/constantly-checking-your-phone-4137954, zuletzt geprüft am 09.04.2019.

Scott, Elizabeth (2020): How to Handle the Stress of Working From Home. In: verywellmind, 17.03.2020. Online verfügbar unter https://www.verywellmind.com/the-stress-of-working-from-home-4141174, zuletzt geprüft am 06.04.2020.

Walter Leonhardt

Ich bin Verhaltensanalyst und untersuche direkt an der irisch-nordirischen Grenze lebend Ideologien und Verhalten von (irischen) Terrororganisationen. Abgesehen von Terrorismus beschäftige ich mich auch mit "weicheren" Themen, wo Konflikte vorkommen - im Grunde mit allem.

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