Rassistische Sprachassistenten in der Kundenkommunikation? Einfache Lösungen.

Theodora Lau veröffentlichte Mitte Mai auf www.bleibim.haus einen Artikel, in dem sie den Rassismus in der Sprachtechnologie anprangerte. Die Amerikanerin chinesischer Abstammung sagte dazu zwar, etwas diplomatischer, dass die heutige Sprachtechnologie unter einer mangelnden Wertschätzung der vielfältigen Natur des Menschseins, der menschlichen Fähigkeiten und der menschlichen Natur leidet, meinte damit aber nichts anderes, als dass die Sprachtechnologie rassistisch ist. Oder, positiver ausgedrückt: ethnozentriert.

Eines von Lau’s Argumenten lautete, dass dreißig Prozent aller aktiven Sprachen weltweit afrikanischen Ursprungs sind, die interaktiven Sprachassistenten Amazon Alexa, Apple Siri und Google Nest Mini aber keine einzige afrikanische Muttersprache unterstützen. Weltweit gibt es 7.177 aktive Sprachen, dass heißt, dass ein geografischer Raum, der 2.153 aktiv gesprochene Sprachen umfasst, von der Sprachtechnologieentwicklung komplett ausgeschlossen ist, falls man sich nicht den Kolonialsprachen unterwirft.

Das klingt nicht mehr ethnozentriert, sondern ziemlich rassistisch.

Auf kleinerer Ebene lässt sich ebenfalls an Rassismus der Sprachtechnologie denken: beim neuen Trend, gesprochene Artikel leserfreundlich von einem Sprachassistenten vorlesen zu lassen.

Am 19.06.2020 fand in München das Viertelfinal-Rückspiel zwischen den MHP Riesen Ludwigsburg und dem FC Bayern München statt. Ludwigsburg hatte das Hinspiel knapp gewonnen und das Rückspiel knapper verloren, sodass sie aufgrund des gewonnenen Direktvergleichs ins Halbfinale einzogen. Die Schwaben gelten als Geheimfavorit, trotzdem war ihr Weiterkommen gegen die bayerische Übermacht überraschend.

Der Geschäftsführer vom FC Bayern Basketball heißt Marko Pešić. Pešić ist in Bosnien geboren, hat aber 97-mal für die deutsche Basketball-Nationalmannschaft gespielt. Damit ist er deutscher als die meisten: kaum jemand ist jemals für Die Nationalmannschaft auf dem Platz gestanden.

Ausgesprochen wird sein Name Päschidsch. Š und Ć sind Buchstaben, die es im deutschen Standard nicht gibt. Auf den Computertastaturen sind sie nicht zu finden und auch in der Sonderzeichenliste braucht es lange, bevor man fündig wird.

Die Webseite des Sportmagazins „Kicker“ verwendet seit neuestem Sprachtechnologie, um ihre Artikel kundenfreundlich zu „vertonen“, und in deren Bayernpleite-Artikel vom 19.06.2020 wurde sie eingesetzt.

Dabei wurde der Name Pešić fünf von fünfmal als „Peesick“ ausgesprochen. Rassismus.

Im Fall von Bayerns serbischen Trainer Oliver Kostić funktionierte dagegen die Namensaussprache: Kostic wurde Kostitsch ausgesprochen. Bayerns serbischer Flügelspieler Vladimir Lučić dagegen erlitt ein Wechselbad der Gefühle: zuerst hieß er WaLadimir Lutschitsch, dann L-U-C-I-C, dann wieder WaLadimir und zweimal zum Abschluss, korrekt, Lutschitsch. Auf’s Basketballfeld “übersetzt”, hieße das: zuerst wurde ein Dreier an den Ring gesetzt, dann der Dunk versaut, dann kam noch ein gescheiterter Dreierversuch und zum Schluss ist man sicher gegangen und hat zwei einfache Korbleger gemacht.

Damit wurde zwar des FC Bayerns Viertelfinalleistung sprachtechnologisch perfekt zusammengefasst, allerdings stellt das nicht nur den Bayern eine ärmliches Zeugnis aus, sondern der gesamten Sprachtechnologie: der vom Kicker verwendete Sprachassistent ist nicht dazu fähig, jugoslawische Namen richtig auszusprechen.

Was soll man davon halten? Rassismus? Ethnozentrismus?

Sehen wir uns zuerst noch die Ludwigsburger an: im Gegensatz zum FC Bayern spielt dort niemand vom Balkan, sondern Amerikaner, und die Sprachassistenten haben mit deren Namen automatisch weniger Probleme: Marcos Knight wurde richtig ausgesprochen, Jackson ebenfalls, Trainer John Patrick wurde richtig als Dschon und falsch als deutscher “Patrick” bezeichnet, sein Sohn Jacob klang ebenfalls deutsch – wie der Heilige Jakob Patrick.

Was soll man davon halten? Dass die vom „Kicker“ verwendete Sprachtechnologie Amerikaner lieber als Osteuropäer hat, Deutsche aber bevorzugt?

Wahrscheinlich nicht. Denn das Problem ist weniger Rassismus als Faulheit, Techniken besser zu machen oder sie zumindest richtig einzusetzen: die vom „Kicker“ (beispielhaft) verwendete Sprachtechnologie konvertiert geschriebene Texte dem Klanglaut nach, während die „Kicker“-Redaktion Wortlaut-Texte zur Fütterung des Vorleseprogramms verwendet. Das heißt, die App liest das, was dort steht, so wie es dort steht.

Beispielsweise lauten die vier Viertelergebnisse geschrieben:

Quelle: Kicker, 19.06.2020

Gelesen ist das logisch. Gesprochen aber heißt es für den Sprachassistenten 18 Uhr 23, 18 Uhr 22, 16 Uhr 11, 21 Uhr 18).

Hätte es dagegen ein Viertelpunktestand mit mehr als 24 erzielten Punkten für die vorne stehende Mannschaft gegeben, hätte das Programm automatisch auf die korrekte Aussprache umgeschaltet, beispielsweise im “Kicker”-Artikel über Göttingens starkes 28:12 Schlussviertel im Viertelfinal-Hinspiel gegen Alba Berlin.

Quelle: Kicker, 18.06.2020

Warum die Speechkit-Sprachapp bei manchen Begriffen Probleme macht und bei manchen nicht, ist mir unbekannt. Lösen könnte man es aber sowohl von Anbieter- als auch Anwenderseite entweder universal-einfach, westlich-kompliziert oder relativ schnell aber etwas aufwändig:

Die universal-einfache Lösung wäre, dass Sprachprogramme auf Texte in kyrillischer Sprache ausgelegt werden: dort schreibt man, im Gegensatz zum lateinischen, so wie man ausspricht.

In diesem Fall würde die Sprachtechnologie schaffen, was politisch nicht gelungen ist: der östliche Klassenfeind würde auf globaler Ebene kulturellen Boden gut machen.

Ein netter Gedanke, aber theoretisch undenkbar, denn die Welt wird auch in den Nächsten 100 Jahren noch ein Großes Schachbrett sein, wo Kulturen miteinander kämpfen. Aber auch praktisch ist das schwierig, weil kyrillisch schreibende Völker zwar lateinische Buchstaben beherrschen, die lateinisch schreibende Masse aber nicht kyrillisch. Man könnte dazu politisch sagen: “dem Osten ist die Verwestlichung gelungen” oder “der Westen packt die Veröstlichung nicht.”

Die westlich-komplizierte Lösung wäre die Verwendung von Lautschrift, besser gesagt des Internationalen Phonetischen Alphabets. In diesem Fall würde, beispielsweise, der „Dunk“ [daŋk] geschrieben und so vom Programm auch korrekt ausgesprochen werden. Würde das jeder machen, wäre das Problem gelöst: Namen und Begriffe würden so richtig wie möglich wiedergegeben.

Allerdings müsste dann die Anwenderseite mitziehen, und das wird schwierig, weil heute kaum noch jemand die Lautschrift beherrscht (oder überhaupt weiß, dass es sie gibt; selbst mir fiel der Begriff “Lautschrift” nicht mehr ein). Daher praktisch gedacht unmöglich.

Die relativ schnelle aber etwas aufwändige Lösung lautet a) dass man Texte so wie ausgesprochen verfasst und für die Sprachvorlage tatsächlich Lutschitsch, Päschistsch und Thomäs Wimbush der Zweite zu Papier bringt. Dadurch würden zwar nicht alle Probleme gelöst – Vladimir müsste entweder mit WaLadimir leben oder Fladimir akzeptieren -, aber man käme schon mal ein Stück voran. B) sollte der „Kicker“ (beispielhaft) Personal abstellen, das Sprachtexte vor der Veröffentlichung auf Fehler anhört und grobe Aussprachefehler korrigiert: die 18 Uhr 23 wären durch ein “18 zu 23” gelöst worden. Hätte „Playoff“ einen Bindestrich bekommen – Play-Off –, hätte es weniger plebejisch geklungen. Und die „Trainerdiskussion“ wäre, ebenfalls getrennt mit Bindestrich, zu keiner T-R-A-I-N-E-R-D-I-S-K-U-S-S-I-O-N verkommen.

Diese einfachen Lösungen und viele andere hätte man verwenden können, denn dann wäre auch aufgefallen, dass die Aussage „Damit verbuchte der Meister der vergangenen beiden Jahre sein schlechtes Bundesliga-Abschneiden seit der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg“ etwas komisch klingt: Man weiß da, da fehlt etwas, und man weiß auch, dass die Schriftkontrolle ein bisschen schlampig und die phonetische überhaupt nicht durchgeführt wurde.

Quelle: Kicker, 19.06.2020

Sollte man sich daher im Fall von Sprachtechnologien lieber um großangelegten Rassismus oder kleine Faulheiten kümmern? Meines Erachtens konzentriert man sich besser auf das, was man auf der Mikroebene verbessern kann und lässt Alexa, Siri & Co. KG von anderen reformieren. Makroprobleme zu lösen ist nämlich schwieriger als selber Texte besser zu schreiben. Aber natürlich kostet beides Zeit.

Walter Leonhardt

Ich bin Verhaltensanalyst und untersuche direkt an der irisch-nordirischen Grenze lebend Ideologien und Verhalten von (irischen) Terrororganisationen. Abgesehen von Terrorismus beschäftige ich mich auch mit "weicheren" Themen, wo Konflikte vorkommen - im Grunde mit allem.

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